By Jonathunder (Own work) [GFDL 1.2 (http://www.gnu.org/licenses/old-licenses/fdl-1.2.html)], via Wikimedia Commons

Manchester, Club Academy, 30. September 2017

Die Innenstadt von Manchester ist in eine Festung verwandelt worden. Polizeihubschrauber kreisen über dem Zentrum, Hauptverkehrsstraßen sind verbarrikadiert, überall Polizisten, nicht wenige davon mit einem Kaffee-Becher in der Hand. Den haben sie auch nötig, denn es ist erbärmlich nass. Manchester macht seinem Ruf als Regenhauptstadt der Insel mal wieder alle Ehre. Das Aufgebot gilt der Konservativen Partei von Premierministern Theresa May, die im Messezentrum für die nächsten vier Tage ihren Parteitag abhält. Der Club Academy ist nur knapp einen Kilometer entfernt vom Epizentrum des Geschehens und hier ist alles ruhig. Zumindest äußerlich. Innen hingegen zieht eine Band namens Stone Broken von einem Leder feinster Qualität. Das Quartett aus dem britischen Walsall war auf dem europäischen Festland zuletzt mit Glenn Hughes unterwegs und hat vor allem in Rotterdam einigen Eindruck hinterlassen. Dank der massiven Parteitags-Verkehrsbehinderung komme ich viel zu spät an und es bleiben mir nur die beiden letzten Songs der Band, doch selbst die reichen für einen angenehmen Nachgeschmack. Schlagzeugerin Robyn Haycock und ihre drei Jungs schöpfen aus dem unermesslichen Fundus der Rockgeschichte und werden in vielen Schubladen fündig.

Die Einflüsse reichen vom Seattle-Sound der Grungejahre über klassisch-bluesinspirierten Hammerrock der Siebziger bis hin zu sattem Heavy Metal der Machart Metallica. Weil Sänger Rich Moss zudem ein bisschen wie Chad Kroeger klingt, sind Vergleiche mit frühen Nickelback gar nicht so weit hergeholt, sollten allerdings mit einiger Vorsicht angestellt werden, denn die Unterschiede zu den Kanadiern sind gleichwohl erheblich. In Manchester kommen Stone Broken gut an, obwohl das Publikum eigentlich nur wegen Living Colour hier ist. Das wird sofort deutlich, als Doug Wimbish, Vernon Reid, Corey Glover und Will Calhoun nach kurzer Umbaupause pünktlich wie die Maurer auf die Bühne schreiten. Eine schnelle Begrüßung und schon geht’s los mit dem Robert Johnson-Cover ‚Preaching Blues‘,

bei dem Vernon Reid zum ersten Mal den Ausnahmegitarristen erahnen lässt, der er ohne Frage ist. Dann steigen die vier immer stärker aufs Gaspedal. „The Wall“ ist das nächste Stück und nahtlos geht‘s von da weiter mit dem Living Colour-Klassiker ‚Middle Man‘. Der erste richtige Höhepunkt ist allerdings die geniale Adaption des Notorious B.I.G.- Titels ‚Who Shot Ya?‘. Corey Glover leitet den Song mit einigen ebenso simplen wie erschreckenden Statistiken ein: „Alle fünf Stunden wird in den USA ein junger Afroamerikaner erschossen. Kugeln sind die häufigste Todesursache für afroamerikanische Männer in der Altersgruppe der unter 35jährigen. Zwischen 2001 und 2013 starben 406.496 Menschen an den Folgen von Schussverletzungen.“ Die Botschaft ist klar, Black lives matter, gerade in den USA, wo Polizeigewalt gegen junge Männer aus ethnischen Minderheiten endemisch ist. Die Botschaft kommt auch in Manchester an, vor allem beim afro-karibischen Teil des Publikums, für das zwar der Ge-und Missbrauch von Schusswaffen kaum eine Rolle spielt, wohl aber der institutionelle Rassismus der Polizei, der viele von ihnen beinahe automatisch zu Opfern von willkürlicher Polizeigewalt macht. Mittlerweile haben sich Living Colour endgültig auf Hochtouren gespielt und das Publikum zieht in vollem Umfang mit. Doug Wimbish setzt an zu einem furiosen Bass-Solo, das er mit trügerisch-spielerischer Leichtigkeit zu einem stilistischen Parforce-Ritt gestaltet. So ganz nebenbei demonstriert er zudem, was man so alles an atemberaubenden Klangzaubereien anstellen kann, wenn man den Bass sinnvoll mit digitaler Technologie verkuppelt.

Nun geht es Schlag auf Schlag. Auf das Bass-Solo folgt ein ebenso mächtiges wie inspiriertes Drumsolo, ebenfalls angereichert mit allerlei digitalen Zusatzsounds. Zwischendurch wurde noch eben Elvis für endgültig tot erklärt (‚Elvis Is Dead‘) und dabei der Presley-Klassiker ‚Hound Dog‘ gespielt. Die Zeit vergeht viel zu schnell, und als die Band schließlich zu ‚Cult of Personality‘ überleitet, wird klar, dass das Vergnügen, und ein solches war es von der ersten bis zur letzten Minute, bald vorbei sein wird. In der Tat, während der stürmische Beifall für ‚Cult of Personality‘ noch lautstark tobt, stellt Corey Glover die eher rhetorische Frage ‚Should I Stay Or Should I Go?‘, und dann erreicht der Hurricane, der auch als Living Colour bekannt ist, seinen unwiderstehlichen Höhepunkt. Das ist weit mehr als eine Hommage an Joe Strummer und The Clash, die Vier nehmen den Song auseinander, zerfetzen ihn in seine Einzelteile und setzen ihn virtuos neu zusammen. Sollte Joe Strummer an diesem Abend von seinem Stuhl im Rockolymp aus zugehört haben, er hätte wohl ebenso lautstark Beifall geklatscht wie das Publikum in der Club Academy, als der Song nach gut zehn Minuten endlich ausklang. Für eine Zugabe blieb danach keine Zeit mehr, und das war vielleicht auch gut so, denn noch besser hätte es wohl kaum werden können.

Die komplette Setlist mit weiteren Links zu Videos gibt’s auf Setlist.FM

Photo: By Jonathunder (Own work) [GFDL 1.2], via Wikimedia Commons

Edgar Klüsener

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