Am 6. Dezember 1969 starb der junge Meredith Hunter auf dem Speedway-Gelände im kalifornischen Altamont, niedergestochen von einem Hells Angel. Die Begleitmusik spielten die Rolling Stones. Sein Tod war öffentlich, er wurde fotografiert, gefilmt und später in Kinos und Fernsehprogrammen vorgeführt. Er markierte das Ende einer flüchtigen Vision, romantisiert als der Sommer der Liebe.
Der Sommer des Jahres 1969 ging in die Folklore der Pop- und Jugendkultur des vergangenen Jahrhunderts als der letzte ‚Sommer der Liebe‘ ein, dessen Höhepunkt das chaotische Woodstock-Festival war (der eigentliche und erste Sommer der Liebe, von Scott McKenzie in seinem schwülstigen Schlager ‚San Francisco‘ besungen, war der Sommer 1967). Das Ende der Hippieträume von „Friede, Freude, Haschischkuchen“ kam schon am Nikolaustag desselben Jahres. Zu Grabe getragen wurden sie auf einer trostlosen Speedway-Rennbahn in Altamont, nahe der kalifornischen Metropole und Hippie-Hochburg San Francisco. Zu den Totengräbern gehörten in unheiliger Allianz die Rolling Stones ebenso wie kalifornische Hells Angels, die Grateful Dead und vor allem Festivalorganisatoren, die ihrer Aufgabe erschreckend wenig gewachsen waren. Altamont war das böse Erwachen aus der Utopie, die erste Ahnung, dass das Paradies eben doch nicht auf Erden zu finden ist.

Wer die ursprüngliche Idee hatte, in der kalifornischen Metropole San Francisco ein riesiges Open-Air-Festival aufzuziehen, ist bis heute nicht ganz klar. Waren es tatsächlich die Rolling Stones selbst, die sich ihr eigenes Woodstock gönnen wollten, oder doch eher ihr Management? Waren die Grateful Dead die eigentlichen Initiatoren? Sicher ist jedoch, dass die Organisatoren das Konzert ursprünglich im Golden Gate Park im Herzen der Hippie-Metropole San Francisco durchziehen wollten. Doch die Stadtverwaltung verweigerte die Genehmigung. Also wurde als Nächstes das Gelände des Sears Point Raceways (der heutige Sonoma Raceway) im kalifornischen Sonoma County ins Auge gefasst. Am Ende erhielten sie aber nach zähen Verhandlungen vom Betreiber der Rennbahn eine Absage, begründet mit der Sorge vor potenziellen Schäden an der Anlage und Unmut über die als unzureichend empfundenen finanziellen Sicherheitsleistungen. Nach dem negativen Bescheid blieben den Organisatoren ganze zwei Tage, um einen neuen Veranstaltungsort zu finden.
Die Zeit drängte, denn Radio- und Fernsehstationen bewarben das Konzert landesweit seit Tagen als ‚Woodstock des Westens‘ und Tausende von Fans aus allen Teilen der USA hatten sich bereits auf den Weg nach Kalifornien gemacht. Angekündigt war mit Santana, Crosby Stills Nash & Young, den Grateful Dead, Jefferson Airplane, The Flying Burrito Brothers und den Rolling Stones ein Aufgebot von hochkarätigen Rockstars der Dekade, entsprechend enorm war die Zugkraft dieses Konzerts. Die Stones bekamen von der dramatischen Zuspitzung anfangs kaum etwas mit. Abgeschirmt von der Welt, arbeiteten sie in einem Studio in Alabama an neuem Material.
Auf dem Höhepunkt des Chaos kam Dick Carter, der gierige Betreiber einer abgetakelten Autorennbahn in Altamont, ins Spiel und bot diese als Ausweichort an. Trotz aller Bedenken nahmen die Organisatoren notgedrungen das Angebot an. Die Alternative, eine Absage des Konzerts in letzter Sekunde, erschien noch schlimmer.

Chip Monck, der technische Direktor der Rolling Stones während der gesamten US-Tournee der Band, hatte mit seiner Crew bereits die Bühne und das PA-System in Sears Point aufgebaut, als er von der Verlegung des Konzertes nach Altamont erfuhr. In Windeseile musste alles wieder abgebaut und auf Lkws verladen werden, die sich dann unverzüglich auf den Weg nach Altamont machten. Seinen ersten Eindruck vom Speedway-Gelände sollte er später so schildern: „Als ich in Altamont ankam, sah ich, dass es auf dem Gelände nicht einmal Toiletten gab. Absperrzäune fehlten ebenso. Das Gelände war offen für jedermann, es gab keine abgegrenzten Backstage-Areale, keine Duschen, nichts.“
Tony Funches, Chef des persönlichen Security-Teams der Rolling Stones für die Dauer ihrer USA-Tournee, war ebenfalls entsetzt. In Gerard van der Leuns Buch ‚Let It Bleed‘ erinnert er sich: „Als wir ankamen, fanden wir lediglich einige abgetakelte Wohnwagen vor, die als Garderoben dienen sollten. Keine Barrieren, keine Absperrungen, das Areal war unmöglich abzusichern. Mein erster Gedanke war: Diese Motherfucker müssen von allen guten Geistern verlassen sein! Was ich vorfand, war der Anfang einer Katastrophe, eine, die kaum noch abzuwenden war. Alles, was ich in dieser Situation tun konnte, war, mich auf meine Hauptaufgabe, den Schutz der Musiker, zu konzentrieren und ansonsten zu hoffen, dass es schon irgendwie gut gehen würde.“

Das Autorenteam des Rolling Stone, das die Geschehnisse in und rund um Altamont akribisch aufgerollt und seine Recherchen 1970 als Dokumentation ebenfalls unter der Überschrift ‚Let it Bleed‘ veröffentlicht hatte, machte am Ende als Haupt- aber nicht Alleinschuldige für das Desaster die Rolling Stones und die völlige Inkompetenz der Organisatoren vor Ort verantwortlich. Was die Rolling Stones angeht, ist diese Einschätzung zumindest fragwürdig. Die Musiker waren an der Planung des Festivals kaum beteiligt, nicht zuletzt, weil sie selbst sich zur Zeit der Vorbereitung im Studio befanden und mit Aufnahmen beschäftigt waren.
Aber, auch das wurde nicht nur den Autoren schnell klar, es waren mehr als nur Inkompetenz und britische Rockstar-Hybris, die Altamont vom Nikolausfest zum Albtraum-Festival werden ließen. Vor allem waren es die völlige Missachtung des Publikums und seiner fundamentalsten Bedürfnisse sowie eine sträfliche Fehleinschätzung der als Ordner eingesetzten Hells Angels, die das Festival so spektakulär scheitern ließen. Wie schon in Woodstock, wurde auch in Altamont das Publikum von fast allen maßgeblich Beteiligten als bloße Staffage für einen geplanten Konzertfilm betrachtet, der nach Möglichkeit noch vor dem Woodstock-Film in die Kinos kommen sollte. Das Publikum, so die Idee, sollte möglichst zahlreich und vor allem gut drauf sein. Es war verantwortlich für Applaus und good vibrations. Das war’s. Überflüssige Komfortleistungen wie ausreichende Toilettenanlagen, Verpflegung oder Park- und Campingmöglichkeiten waren entweder gar nicht oder nur so nebenbei und dann heillos unzureichend eingeplant.
Für die Rolling Stones waren Free Concerts nichts grundsätzlich Neues. Die Band hatte bereits am 5. Juli 1969 im Londoner Hyde Park ein freies Konzert vor mehr als 500.000 Zuschauern gegeben, für welches sie das Londoner Chapter der Hells Angels als Ordner verpflichtet hatte. Die bei diesem Konzert gemachten Erfahrungen mit den Hells Angels waren gut, sodass weder die Band noch ihr Management Grund zur Sorge sahen, als die Angels für Altamont angeheuert wurden. Noch weniger Anlass zur Sorge sahen sie, weil die Grateful Dead, die maßgeblich an der Planung und Umsetzung des Altamont Free Concerts beteiligt gewesen waren, seit Langem freundschaftliche Beziehungen zum San Francisco-Chapter der Hells Angels unterhielten und dessen Mitglieder oft als Ordner für die eigenen Konzerte einsetzten. Dass das militärisch-straff organisierte und in vielfältige kriminelle Aktivitäten involvierte Oakland Chapter der Hells Angels, das für Altamont angeheuert wurden, ein ganz anderes und ungleich gewalttätigeres Kaliber waren als die Biker vom gerade erst gegründeten Londoner Ableger oder die den Hippies nahestehenden San Francisco-Angels, hatten weder die Grateful Dead noch die Rolling Stones zu dem Zeitpunkt völlig realisiert. Was sich als einer von vielen folgenschweren Irrtümern erweisen sollte. Ein weiterer Fehler war es sicherlich, die Hells Angels statt mit Barem mit Bier zu entlohnen. J
Die Atmosphäre auf dem Terrain glich zunehmend dem Albtraum-Szenario eines Horrortrips. Sam Cutler, der Tourmanager der Rolling Stones, flog mit der Band im Hubschrauber zum Gelände, auf dem sich mittlerweile eine gigantische Menschenmasse versammelt hatte und beschrieb seine ersten Eindrücke so: „Es sah aus als sei eine Atombombe auf San Francisco gefallen und hier seien die Überlebenden zusammengekommen, um das Ende der Welt zu erleben.“
Weil es keinen abgegrenzten Hubschrauber-Landeplatz gab, landete der Helikopter am Rand des Publikums. Band und Begleitung mussten sich durch die Menge hindurch zum Backstage-Bereich bewegen und bekamen so einen unmittelbaren Eindruck von der aggressiven und dystopischen Stimmung auf dem Gelände. Sie waren kaum aus dem Hubschrauber geklettert, da attackierte ein junger Mann Mick Jagger. Er schrie „Ich hasse dich!“ und schlug ihm mit geballter Faust auf den Mund. Während seine Begleiter den Mann zu Boden rangen, ergriff Ronnie Wood den Arm des geschockten Sängers und lotste ihn eilig in die Sicherheit des hinteren Bühnenbereichs.

Je länger das Konzert dauerte, desto trunkener und aggressiver wurden die Biker. Sie schlugen wahllos auf das Publikum ein und prügelten sich auch untereinander. Gewalttätige Übergriffe häuften sich, und die Hells Angels, die sich auf und vor der Bühne eingerichtet hatten, schreckten selbst vor Angriffen auf die Musiker nicht zurück. Eins der Opfer war Marty Balin, der Sänger der Jefferson Airplane. Ein Hells Angel schlug ihn auf der Bühne bewusstlos. Als Sam Cutler den Hells Angel so weit beschwichtigt hatte, dass er sich am Ende sogar bei Marty Balin entschuldigen wollte, ging der Sänger wutentbrannt auf den Biker los, der ihn daraufhin erneut auf die Bretter schickte.
In diesem Klima der Gewaltsamkeit eskalierte die Situation weiter. Als die Rolling Stones schließlich gegen Abend auf die Bühne kamen, hatten der Mangel an allem – ausreichende medizinische Versorgung, sanitären Einrichtungen, selbst Nahrungsmitteln – in Verbindung mit schlechten Drogen, die auf dem Gelände verkauft wurden, eine Atmosphäre geschaffen, die Festivalbesucher später als alptraumhaft und chaotisch beschrieben. Die Hells Angels hatten sich zu einer undurchdringlichen Mauer vor und auf der Bühne formiert, die das Publikum in Schach halten sollte – doch stattdessen schürten sie nur noch mehr Aggression. Irgendwann in der Dämmerung, während die Band ‚Under My Thumb‘ spielte, drang ein junger Mann namens Meredith Hunter mit gezücktem Revolver in Richtung Bühne vor. Die Hells Angels reagierten sofort. Einer von ihnen, Alan Passaro, erstach Hunter mit einem Messer. Der gesamte Vorfall, wie Hunter zu Boden ging, wie die Angels ihn weiter tratten und stachen, bis er regungslos liegen blieb, wurde von Filmkameras festgehalten. Meredith Hunter starb noch am selben Abend im Krankenhaus.
Sein Tod war nicht nur ein individuelles Drama, sondern das symbolische Ende einer Ära. Altamont wurde zum Grabstein der Flower-Power-Utopie, zum unausweichlichen Beweis, dass die Träume von Frieden, Liebe und harmonischem Zusammenleben in der Realität eines gewalttätigen, von Kommerz und Chaos geprägten Jahrzehnts zerbrachen. Was in Woodstock noch wie ein Triumph der Jugendkultur gewirkt hatte, entpuppte sich in Altamont als ihre brutalste Desillusionierung. Die Siebziger Jahre brachen nicht mit Hoffnung an, sondern mit der ernüchternden Erkenntnis, dass das Paradies auf Erden eine Illusion war – und dass die Realität oft genug aus Blut, Gewalt und dem Scheitern großer Ideen bestand.

